Begleittext zum Erscheinen der Buchreihe im Jahr 2000

"Forschungsbeiträge aus der Objektiven Hermeneutik"

von Ulrich Oevermann, Roland Burkholz, Christel Gärtner, Ferdinand Zehentreiter

Die Objektive Hermeneutik ist eine theoretisch begründete Methodologie und zugleich eine forschungspraktische Kunstlehre für die systematische Auswertung jeglichen Datentyps innerhalb des Ensembles der Sozial-, Kultur- und Geisteswissenschaften, also der Erfahrungswissenschaften von der sinnstrukturierten Gegenstandswelt. Das Attribut »objektiv« soll besagen, dass sowohl der Gegenstand dieser Verfahren als auch die Verfahren selbst sich dem Objektivitätskriterium erfahrungswissenschaftlicher Erkenntnis fügen, wie es in den Naturwissenschaften gebräuchlich ist, aber in den Sozial-, Kultur- und Geisteswissenschaften irrtümlich allzu häufig als unkritisch angesehen und dann durch den Bezug auf einen »subjektiven Faktor« oder einen »subjektiv gemeinten Sinn« ersetzt wird.

Diese Wendung wird von der Objektiven Hermeneutik ganz bewusst vermieden. Sie richtet sich statt auf den subjektiv gemeinten Sinn der »Autoren« von Ausdrucksgestalten auf deren objektive oder latente Sinnstrukturen und trachtet diese nicht durch Nachvollzug oder Perspektivenübernahme, sondern durch explizite Verwendung jener bedeutungsgenerierenden Regeln zu entziffern, die in der ursprünglichen Situation der Generierung der Ausdrucksgestalt als Erzeugungsregeln faktisch am Werk waren. Dadurch wird diese Sinnrekonstruktion für jedermann jederzeit an den Ausdrucksgestalten, als die jegliches Auswertungsdatum unserer Wissenschaften interpretiert wird, intersubjektiv überprüfbar und entsprechend falsifizierbar – wie es sonst nirgendwo in den Erfahrungswissenschaften von der sinnstrukturierten Gegenstandswelt in dieser Radikalität und Transparenz gewährleistet ist. Zugleich gelten diese Ausdrucksgestalten im Hinblick auf ihre Ausdrucksmaterialität als Protokolle und im Hinblick auf ihre Sinnstruktur als Texte.

Damit löst sich auch die übliche Einordnung der Prozeduren von Beobachtung und Beschreibung auf: Beide sind für die objektive Hermeneutik Erkenntnisoperationen, die der Praxis selbst angehören und als solche für die Methodologie der Erfahrungswissenschaften mit einer Ausnahme irrelevant sind. Beobachten ist ein in sich flüchtiger Vorgang innerhalb der Lebenspraxis. Methodologisch ist daran nur das Protokoll interessant, das, der flüchtigen Gegenwärtigkeit des Beobachtens enthoben, davon übrig bleibt. Das kann mangels einer besseren, d. h. dem Objektivierungsprinzip näherkommenden Protokollierung im Grenzfall die Erzählung des Beobachters von seiner Beobachtung sein. Dann bleibt aber immer noch der Grundsatz erfüllt, dass nicht der Beobachtungsvorgang als solcher, sondern das Protokoll, das von ihm hinterlassen wurde, die Basis der methodologisch zu begründenden wissenschaftlichen Erkenntnisoperationen bildet. Deshalb ist es eine zwar weit verbreitete, aber irreführende Auffassung, die Beobachtung der Interpretation als systematisch zwischen erfahrungswissenschaftlichen Disziplinen differenzierendes Kriterium gegenüberzustellen, so als ob es eine systematische Differenz zwischen Beobachtungstatsachen und normativen oder interpretativen Sachverhalten in einem erfahrungswissenschaftlich relevanten Sinne gäbe.

Das Beschreiben ist dort eine zum Zwecke der Protokollierung erfahrungswissenschaftlich notwendige Operation, wo das Beobachtete und Beobachtbare nicht selbst schon aufgrund seiner Sinnstrukturiertheit »beschrieben« ist im Sinne von »notiert«. Letzteres ist grundsätzlich im Gegenstandsbereich der Naturwissenschaften der Fall, und deshalb ist in ihnen das Beschreiben so zentral. Im Gegenstandsbereich der Erfahrungswissenschaften von der sinnstrukturierten Welt jedoch haben wir notwendig unseren Gegenstand immer schon als sinnstrukturierten vor uns, und die Hauptfrage kann hier nur sein, wie er am besten für unseren Forschungszweck zu protokollieren sei. Eine Beschreibung ist dabei an sich überflüssig und immer nur eine Verlegenheit in der Protokollierung, wenn bessere Techniken der Sammlung geeigneter Ausdrucksgestalten fehlen. Angesichts der heute verfügbaren Technologie kann man deshalb den Grundsatz aufstellen, überall dort, wo vermeintlich beschrieben werden muss, zuerst zu prüfen, ob nicht eine technische Aufzeichnung möglich ist, die methodisch viel geeigneter ist, denn sie erlaubt, weil keine interpretierende intelligente Subjektivität beteiligt ist, die Auflösung einer zirkulären Kontamination von Datenerhebung und Datenauswertung.

Das Attribut "objektiv" ist häufig unter der Hand missverstanden worden als Gegensatz zu "subjektiv" im Sinne von »fehlerbehaftet«, und seine Verwendung ist der Objektiven Hermeneutik als vermessene Selbsternennung in der Verwirklichung eines methodischen Ideals zugerechnet worden. Nichts hat der Objektiven Hermeneutik ferner gelegen als das. Viel mehr bestand von Anbeginn an eine ihrer strategischen Zielsetzungen gerade darin, die konstitutive subjektive Seite der menschlichen Praxis methodisch sachgerecht zu dechiffrieren, was nur möglich ist in Anrechnung der folgenden Grundbedingung: Zwar müssen wir uns in unserer Alltagspraxis wie selbstverständlich darauf verlassen, introspektiv unsere eigene Handlungsmotivation und fremdpsychisch verstehend die der anderen zuverlässig entziffern zu können, aber methodenkritisch können wir uns auf diese Basis nicht stellen, wenn wir uns nicht schon von vornherein in einer hoffnungslosen Zirkularität, die auch durch die scheinbar adelnde Bezeichnung als »hermeneutischer Zirkel« nicht besser wird, an die unüberprüfte, praktisch wirksame Definition oder Konstruktion von sozialer und psychischer Wirklichkeit binden wollen – um deren empirisch objektivierende Analyse es ja gerade gehen soll. Hinter dieser Abkehr vom subjektiv gemeinten Sinn steht die Einsicht, dass Subjektivität als Subjektivität erfahrungswissenschaftlich erst wirklich ernst genommen worden ist, wenn sie grundlegend als nur unmittelbar und individuell-partikular, d. h. im Vollzug von Praxis selbst erfahrbar gefasst und nicht – kontrastierend zur Objektivität – zum bloßen Residuum schon denaturiert worden ist.

Dann aber ergibt sich als Folgeproblem, wie eine Methode (als Medium der Vermittlung) beschaffen sein muss, die die prinzipielle Uneinholbarkeit zwischen dem, was Adorno als das Nicht-Identische reklamiert hat – worunter genau jene nur unmittelbar und das heißt letztlich in der Krise erfahrbare Subjektivität zu verstehen ist – und dem Identischen der begrifflich vermittelten Erkenntnis dennoch vermittelnd überbrücken und der methodenkritischen Erkenntnis erschließen kann. Die bloße Subsumtion unter Begriffe für Subjektivität hilft hier gar nichts. Sie suggeriert nicht nur beschwörend, was ihr kategorial unerreichbar bleibt, sondern sie zerstört es gar in ihrem Vollzug. Man muss Subjektivität deshalb dort ergreifen, wo sie sich authentisch verkörpert und ihre Spuren hinterlassen hat: in ihren Ausdrucksgestalten, die als Protokolle den grundsätzlich flüchtigen und unwiederbringlichen praktischen Vollzug für die methodenkritische Forschung konservieren, sei es als naturwüchsige Ausdrucksgestalten oder als im Forschungsprozess selbst durchgeführte Aufzeichnungen. Man muss diese in ihren objektiven Sinnstrukturen nur entziffern.

Die Objektive Hermeneutik hat mittlerweile ein ganzes Arsenal spezifischer Verfahren und Verfahrenskomponenten entwickelt und ist in vielen Gegenstandsbereichen erprobt worden: Was unter latenten Sinnstrukturen, Sequenzanalyse, Fallrekonstruktion, Fallstrukturgesetzlichkeit, Strukturgeneralisierung, Transformation und Reproduktion, Totalitäts- und Wörtlichkeitsprinzip zu verstehen ist, um nur einige der zentralen Konzepte zu benennen, kann in den einschlägigen Veröffentlichungen nachgelesen werden, in denen die fortschreitende Entwicklung dieser Methodologie dokumentiert ist (siehe http://www.rz.uni-frankfurt.de/~hermeneu/bibliographienliste.htm). Dem aktuellen Stand geht eine lange Erprobung voraus. Ursprünglich anlässlich der Auswertung von wörtlich verschrifteten Aufzeichnungen innerfamiliärer Kommunikation entwickelt folgte in einer zweiten Phase die nachträgliche theoretische Bestimmung und Einordnung dieser Auswertungspraxis. Nachdem diese schon Mitte der siebziger Jahre in den Grundzügen vorlag, wurde das Vorgehen in einer langen Phase von fast zwanzig Jahren bewusst auf möglichst viele Datentypen in möglichst vielen Gegenstandsbereichen angewendet, so dass heute mit Recht gesagt werden kann, dass es keinen denkbaren Datentyp mehr gibt und auch keinen Gegenstandsbereich, mit und in dem die Objektive Hermeneutik noch keine Erfahrungen gesammelt hat – was nicht heißt, dass nicht doch noch immer wieder neue Entdeckungen gemacht werden. Nach dieser »Erfahrungssättigung« wird seit ungefähr fünf Jahren gezielt dazu übergegangen, auf der Basis dieser fallverstehenden Methodologie Anwendungen in berufspraktischen Feldern der Beratung, Intervention und Evaluation exemplarisch durchzuführen, die sich unter dem Titel einer ›klinischen Soziologie‹ zusammenfassen lassen.

Humanities Online LogoDie im Verlag Humanities Online, Frankfurt am Main, begründete Publikationsreihe dient als Sammlungsort der Forschungsbeiträge aus der Objektiven Hermeneutik. Bisher sind diese Forschungsbeiträge, häufig als Dissertationen, verstreut an verschiedenen Orten erschienen. Dass nunmehr eine solche Reihe sowohl unter dem Dach eines Verlages als auch sogleich in der fortgeschrittenen Technologie einer digitalen Edition in Angriff genommen werden kann, ist willkommener letzter Anstoß zu ihrer Einrichtung gewesen, enthebt sie die in der Methodologie der Objektiven Hermeneutik arbeitenden Forscher doch vieler publikationspraktischer Beschränkungen, wie sie in klassischen Buchverlagen gegeben sind.

Zu den Reihenherausgebern gehören neben Ulrich Oevermann, dem Begründer der Objektiven Hermeneutik, drei Soziologen, die unterschiedliche inhaltliche Schwerpunkte und verschiedene Generationen der Methodenentwicklung und der Zusammenarbeit mit dem Begründer repräsentieren: Ferdinand Zehentreiter als früher Mitstreiter ist zugleich spezialisiert auf dem Gebiet der Kultursoziologie und hier insbesondere der Soziologie der Kunst und des künstlerischen Handelns und arbeitet gegenwärtig zudem an der empirischen Überprüfung professionalisierungstheoretischer Annahmen; Christel Gärtner ist wesentlich an der Begründung einer den Methoden der Objektiven Hermeneutik affinen Religionssoziologie und Zeitdiagnostik des lebenspraktischen Sinnproblems beteiligt, und Roland Burkholz ist mit sozialisationstheoretischen und wissenschaftssoziologischen Fragen beschäftigt, die ein bevorzugtes Anwendungsgebiet der Objektiven Hermeneutik geworden sind.

Das Herausgebergremium versteht sich als verantwortlich für das allgemeine wissenschaftliche und das spezifisch objektiv hermeneutische Profil der Reihe wie für die Qualität der einzelnen Publikationen, die aus Monographien, themenzentrierten Sammelbänden wie auch aus exemplarischen Fallanalysen bestehen können, die von allgemeiner Bedeutung sind. Diese Reihe steht allen mit dem Verfahren der Objektiven Hermeneutik arbeitenden Forschern offen. Sie soll mit einem klaren Profil die in der Methodologie der Objektiven Hermeneutik arbeitende Forschung in ihren typischen und in die Zukunft weisenden Ausprägungen verkörpern. Sammelbände innerhalb dieser Reihe werden jeweils eigens von Einzelherausgebern verantwortet. Das vierköpfige Reihenherausgebergremium entscheidet jeweils einstimmig und wird sich im Bedarfsfalle durch Kooptation ergänzen.

Frankfurt am Main im Oktober 2000